Main-Post, 04.0.2004
Ein beeindruckendes Gesamtkunstwerk haben Künstlerinnen und Künstler unter der Leitung von Regionalkantor Rainer Aberle mit ihrer Konzeption der »KlangNacht« im Rahmen der Rafelder Kulturtage geschaffen.
Im Mittelpunkt der als Experiment angelegten Veranstaltung stand die Erfahrung einer aus den Fugen geratenen Welt, die von Lärm, Hektik und Stress geprägt ist und den modernen Menschen mit Reizen überflutet – im Gegensatz zur Einfachheit, zur stillen Schönheit der Natur. Diesen Kontrast herauszuarbeiten, »in unbewusste Tiefschichten hinabführen und verschüttete Sehnsüchte zum Klingen bringen« war die Intention der ersten KlangNacht und ihrer Mitwirkenden.
Gleichzeitig zum konzertanten Erleben wollte man auch liturgisch neue Wege beschreiten, bekannte Dinge in ein neues Licht setzen und alte Traditionen neu definieren. Mit provokanten, teils an die Substanz gehenden akustischen und visuellen Sinnesreizen wurden die Besucher in der bis auf den allerletzten Platz besetzten Pfarrkirche, die sich einmal mehr als akustisches Wunderwerk entpuppte, »bombardiert«.
Auch auffallend viele junge Leute waren der Einladung zu diesem Experiment gefolgt, freute sich das Organisationsteam. Wilde Klänge von Marimbaphon (Stephanie A. Carr) und Orgel (Peter Rottmann), laute Schreie (Kammerchor songcræft – art of singing) und Geräusche, eine etwas zu lang geratene Filmprojektion, die das Leben auf der Überholspur zeigte, und grelle Lichteffekte (Thomas Fuhrich) beherrschten den ersten Teil der Veranstaltung. Einzig die Kommentare von Pfarrer Stefan Mai, der für die gesamte inhaltliche Konzeption verantwortlich war, die Ausschnitte aus Sisaks »Oremus« (Chor) und das abschließende Schubert-Lied »Der du vom Himmel bist« von Solist Thomas Kerzel beruhigten kurzfristig die angespannten Sinne.
Der zweite Teil thematisierte die Sinnkrise und Umkehr des estnischen Komponisten Arvo Pärt, der von der Zwölftonmusik zum Geist der Gregorianik zurückfindet. Wunderschön: Solist Michael Gründel und der Chor mit zwei Werken Pärts.
Im dritten Teil des Konzertes ergreift den Zuhörer schließlich das Gefühl des »Angekommenseins«, verstärkt wird dieser Eindruck durch das erstmals vereinte Auftreten des Chors im Chorraum nach Auftritten an verschiedenen Stellen in der Kirche. Nach all den Reizungen der Sinne ist hier der Moment der völligen Stille greifbar.
Und so ist man nach diesen provozierenden, ja fast nervtötenden Effekten wirklich aufnahmebereit, sich der Kostbarkeit von Erlebnissen wie den wunderbaren musikalischen Eindrücken voll bewusst. Mit der Klangnacht wurde ein zweieinhalbstündiges akustisches und visuelles Kunstwerk geschaffen, das so nur in seiner Gesamtheit zu begreifen ist, und das im dritten Teil die Zuhörer für ihr »Aushalten« mehr als belohnte.
Die außergewöhnliche klangliche Qualität des Kammerchors bei John Rutters »Open thou mine eyes« mit einem traumhaften Solo von Lisa Rothländer, Ahlens »Sommarpsalm« und Lejions »Med mitt öga se« (Solo Katharina Boll) sowie dem abschließenden »Abendlied« von Josef Rheinberger, dazu das wunderschöne »A little prayer« Stephanie A. Carrs, Rottmanns schlicht geniale Orgelimprovisationen und die – fast überirdisch wirkenden – Lichtspiele Fuhrichs im Kirchenschiff erreichten nicht nur »Augen und Ohren, sondern auch die Herzen«. Und schufen Eindrücke, die noch lange nachklingen werden. Mit dieser Meinung war Musica Sacra-Geschäftsführerin Rita Weth keinesfalls alleine.
Von Daniela Schneider