Main-Post, 12.06.2005
Es waren wilde Sprünge, die die sechs Herren im dunklen Anzug da in der Grafenrheinfelder Kirche vollführten, Sprünge über jeweils 500 Jahre und fünf Epochen hinweg: von William Byrd zu Geoffrey Poole (* 1949) und zurück, von Thomas Tallis zu Francis Poulenc, von Orlando di Lasso über Paul Patterson (* 1947) zu den Beatles, von sakraler Motette über Popsong bis Spiritual. Sprünge, die Sprintstärke und Kondition so manches Ensembles überfordert hätten. Nicht so die King’s Singers, die sich mit geradezu traumwandlerischer Stilsicherheit durch Epochen und Genres bewegten, sich nicht nur den jeweiligen Anforderungen gewachsen, sondern als Meister derselbigen zeigten.
Einen großen Anteil am Erlebnis King’s Singers hat deren besondere klangliche Qualität: Die sechs Herren singen fast (aber nur fast!) zu homogen, um noch durchsichtig zu sein. Da ist jede Stimmfarbe auf die andere abgestimmt, jedes Vibrato genau dosiert, jede dynamische Regung vorausberechnet – ein geradezu perfektes Ensemble-Kunstwerk. Dazu kommen hervorragende Intonation und die ungeheuer präsente Tongebung, die in ihrer Geradheit und Gleichmäßigkeit an Orgelklänge gemahnt, bloß in Dynamik und Farbigkeit noch wesentlich differenzierter ist. Dies bekam erstaunlicherweise dem Byrd’schen »Miserere mei« ebenso gut wie Poulenc oder den Beatles-Titeln.
Mit viel Humor gestalteten die sechs Briten Stücke wie Paul Pattersons »Timepiece«, in dem der Sündenfall auf Adams Armbanduhr zurückgeführt wird, imitierten bravourös Uhren und Weckerklingeln, aber auch Saxophon, Trompete, E-Gitarre oder Kontrabass. So gab es im ersten Teil des Programms in höchster musikalischer Spannung vorgetragene Sakralmusik, im zweiten dann neben schönsten Klängen auch viel zu lachen. Das auffallend junge Publikum dankte es mit frenetischen Beifallskundgebungen.
Von Andrea Braun