Main-Post, 21.03.2004
»Musik macht das Herz weich« schrieb vor nunmehr 60 Jahren die Widerstandskämpferin Sophie Scholl, wie Rainer Aberle, der künstlerische Leiter von Musica Sacra Grafenrheinfeld, erläuterte. Damit trifft sie auch heute noch den Kern der Sache. Wunderbare Stimmen zu hören macht in der Tat das Herz weich und öffnet die Seele, aber erst die Freude der Sänger am Musizieren macht das Musikerlebnis vollkommen.
Und genau diese Erfahrung durften die Besucher in der Grafenrheinfelder Pfarrkirche beim Konzert des Rundfunk-Jugendchores Wernigerode machen. Wunderbar reine Stimmen und eine überwältigende klangliche Präsenz hat dieser vielfach ausgezeichnete Jugendchor zweifelsfrei. Mitreißend war die Freude, mit der sich die etwa 50 Sängerinnen und Sänger im Alter zwischen 15 und 20 Jahren präsentierten.
Künstlerisch geleitet wird der Chor seit 1996 von Peter Habermann, der in der Pfarrkirche seinen Chor unglaublich virtuos und komplett auswendig durch das Konzert führte Vom sechsstimmigen »Die Himmel erzählen die Ehre Gottes« von Heinrich Schütz über Johannes Brahms Motette »Warum ist das Licht gegeben den Mühseligen« bis hin zu Spirituals und den ganz modernen Werken von Rolf Lukowsky und dem herrlichen »Cantate Domino« des litauischen Komponisten Vytautas Mikinis offenbarte sich eine wunderbare Homogenität im Chorklang.
Gleichzeitig zeigte sich bei der geschickten Programmzusammenstellung die wirkliche Perfektion des Jugendchores, der in allen musikalischen Bereichen zu Hause zu sein scheint. So störte sich das Publikum auch nicht an der nicht wirklich perfekten Koordination von Chor und Alexander Fiseisky, dem russischen Organisten, der zu schnelle tempi bei den Chorwerken aus Händels »Der Messias« vorlegte. Ein Risiko birgt die Aufführung eines solchen Barockwerkes allemal, musste doch Fiseisky das Orchester ersetzen und konnte nur über Kamera den Angaben Habermanns folgen.
Die Klangschönheit der Winterhalter-Orgel jedenfalls entfaltete sich eher bei den Solovorträgen des Russen, der in seinem Land als einer der bedeutendsten und einflussreichsten Organisten gilt. Das eröffnende »Präludium und Fuge C-Dur« von Johann Sebastian Bach und Felix Mendelsohn-Bartholdys »Herzlich tut mich verlangen« waren farblich ansprechend registriert, bei Constantin Homilius »Präludium G-Dur« schienen die Töne wie Tropfen fröhlich von der Empore hinabzuschweben. Die Zugabe »Wisset ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid« von Rudolf Tobias für Orgel und Chor widmete Peter Habermann dem Grafenrheinfelder Gesangverein, der in diesem Jahr sein 100-jähriges Bestehen feiert.
Mit stehenden Ovationen bedankten sich die Besucher bei den Künstlern, die im »kleinen« Jubiläumsjahr des fünfjährigen Bestehens der Konzertreihe »klangkunst« ein mehr als würdiges Eröffnungskonzert gestalteten.
Von Daniela Schneider