Main-Post, 25.10.2004

Winterhalter-Orgel lernt swingen

Der Konzerttitel »Jazz meets Organ« hatte nicht nur das Publikum in der ausverkauften Pfarrkirche neugierig gemacht. Sogar der Erbauer der prächtigen Pfeifenorgel der Pfarrkirche, Claudius Winterhalter, war extra aus dem Schwarzwald gekommen.

Auch er wollte erleben, wie die renommierte Münchner Jazzmusikerin Barbara Dennerlein den vielen Ausdrucksmöglichkeiten des sakralen Instrumentes eine weitere Facette hinzufügt: swingenden, mitreißenden Jazz.

Eine neue Kooperation von »Musica Sacra Grafenrheinfeld« und der Schweinfurter Kulturwerkstatt Disharmonie hatte dies Konzert zum Abschluss des Jazzivals ermöglicht, und es wurde zu einem großen Erfolg für Barbara Dennerlein, deren faszinierendes Spiel auch hier virtuose Kompetenz, Sensibilität und Gestaltungsstärke überzeugend miteinander zu verbinden wusste.

Im ersten Teil spielt die Künstlerin auf der Kirchenorgel, anschließend im Altarraum auf ihrer heiß geliebten Hammond B 3. Die Eigenkomposition »Waltzing Pipes« beginnt mit einem voll tönenden Orgelakkord, um dann aus tanzenden Legato-Melodien allmählich einer dynamischen und expressiven Steigerung entgegen zu steuern.

Die TV-Übertragung vom Spieltisch der Empore (Johannes Bloching) ermöglicht den Zuhörern, das meisterliche Spiel Dennerleins auf einer Leinwand zu verfolgen: Faszinierend ihre Bass-Arbeit mit den Füßen, die über die Pedale der Orgel zu fliegen scheinen und ihrer linken Hand neue Freiräume schaffen. Die nutzt sie für rasante Furiosi, meditative Sequenzen und poetisch-balladeske Inspirationen.

Solch ein langsamer Titel ist »Longing«, der die vielseitigen Stimmungen der Sehnsucht beschreibt: Die Zuversicht einer schlichten Melodie im wiegenden Rhythmus weicht im Mittelteil unruhigen Läufen, schreienden Akkordballungen über ostinaten Bässen. Doch diese Aussichtslosigkeit mündet in neue Hoffnung des pastoralen Schlussteils. So verbindet die Organistin auch im »Spiritual Movement Number One« kontemplative Klänge und kraftvolles Jazzfeeling.

Dann der brodelnde, sinnliche Sound der Hammondorgel, leider manchmal mit Synthesizer-Klängen vermischt. Und hier ist die Künstlerin wirklich zuhause: Ihr Spiel sprüht vor musikalischen Finessen, Harmoniecollagen, vertrackten Rhythmen und zupackenden Improvisationen. Swing, Funk, Latin, Balladen – ihr Konzert ist eine einzige große Liebeserklärung an den Jazz.

Die Eigenkompositionen »Jimmy’s Walk«, »Swing The Blondes«, »Walk On Air« und die Zugabe »Long Way Blues« nach dem stürmischen Applaus verraten den Ehrgeiz der Künstlerin zu Eigenschöpferischem. Doch vielleicht verschmäht sie damit zu Unrecht die unübertroffene Kraft der amerikanischen Jazzthemen. Dass gerade die Neu-Interpretation solcher Standards eine besonders hohe Meisterschaft erfordert, hat etwa der große Keith Jarrett überzeugend bewiesen.

Von Manfred Herker