Main-Post, 27.09.2005

Das Leben in einem anderen Licht sehen …

Verstummen nicht alle Geräusche, wenn es Nacht wird? Versinkt nicht die Welt in Dunkelheit und Kälte, sobald sich die Erde von der Sonne abwendet? Überraschend konzipierte Rainer Aberle die »KlangNacht« im Rahmen der Reihe Musica Sacra auf den Sonnengesang des Franz von Assisi in einer Mischung aus Wort, Ton und Lichtbildern. Die Idee war überzeugend und ging auf: Dekan Stefan Mai stellte in den Texten Bezüge zum heutigen Leben her, suchte und fand Antworten auf Fragen der Zeit in den Strophen des Sonnengesangs. Er regte an, über den eigenen Lebensstil nachzudenken, das Leben in einem anderen Licht zu sehen.

Der beruhigend schlichte Psalmgesang (Michael Grünewald mit vorzüglicher Textverständlichkeit) – vorgetragen zu Beginn im Ganzen und strophenweise wiederholt – wurde zur stillen Meditation. Ausgesuchte Chorwerke standen wie funkelnde Juwelen zwischen den einzelnen Strophen des Sonnengesangs, ergänzten sie um den Klang. Das Ensemble »songcraeft – art of singing« bestach durch saubere Intonation und vorbildliche Stimmtechnik. Differenzierte Dynamik, die sich insbesondere durch ein leicht angesetztes und dahin strömendes Pianissimo zeigte, sowie ein farbenprächtiger Klangreichtum zeichneten den Vortrag aus. Ohne übertriebene Gesten leitete Rainer Aberle sicher seinen Klangkörper.

Christian Stegmann an der Orgel entlockte seinem Instrument meisterliche Improvisationen: Aus einem düsteren, fast bedrohlichen Cluster erstrahlte »Bruder Sonne«, der Nebel lichtete sich und »Schwester Mond« erklang in schwerelosem, schwebenden Ton. In wildem Brausen tobte »Bruder Feuer« durch die Halle des Kirchenschiffs und Blitz und Donner jagten von der Orgelempore herab.

Die einzelnen Elemente wurden zusammengebunden durch die einzigartige Lichtregie (Alexander Kiefer) in intensiv irisierenden Farben. Am mitternachtsblauen Plafond hing ein silberweißer Mond, Feuerflammen züngelten an den Säulen des Altars empor, Maigrün und Himmelblau suggerierten die heitere Stimmung des frühen Sommers. Lediglich lässliche Dopplungen, so beispielsweie als bei der Erwähnung von »Schwester Wasser« Wellenbilder an die Decke projiziert wurden, hätten vermieden werden sollen. Seinen Höhepunkt fand die Nacht, als die Zuhörer von allen Seiten von einer Chorimprovisation auf Bachs Choral »Komm, süßer Tod« umfangen wurden. Zu Recht gab es stehende Ovationen am Ende eines beeindruckenden Klangerlebnisses.

Von Erna Rauscher-Steves