
Main-Post, 30.09.2004
Einmal mehr musste man sich wundern, wie wenig Interesse an kulturellen Ereignissen in der Region besteht - speziell an ungewöhnlichen, abgehobenen Veranstaltungen. Gerade einmal 50 Besucher haben am vergangenen Wochenende den Weg in die Grafenrheinfelder Pfarrkirche gefunden, wurden dafür aber mit einer wahrlich beeindruckenden Performance von Gerhard Friese (Literatur) und Willibald Bezler (Orgelimprovisation) mehr als belohnt.
Im Mittelpunkt der Veranstaltung – einer Premiere übrigens, da die beiden Künstler, obgleich beide Stuttgarter, noch nie gemeinsam gearbeitet haben – stand der fast 400 Jahre alte Text »Das Labyrinth der Welt und das Paradies des Herzens« des tschechischen Theologen und Pädagogen Jan Amos Comenius. Und was für ein Text wurde da auszugsweise rezitiert – zeitlos, bedrückend aktuell und von höchster Brisanz. Wird doch der Menschheit ein wirklich unerfreulicher Spiegel vor Augen gehalten. Als Pilger auf der Suche nach dem Sinn des Lebens brillierte der Wahlstuttgarter Gerald Friese. Eindringlich rezitierte der Sprechspieler – so Frieses charakterisierende Eigenwortschöpfung – Comenius’ alte und doch erschütternd treffende Worte, die die Absurdität menschlicher Existenz vielleicht unbarmherziger beleuchten als viele moderne Texte.
Trotz sparsamer Mimik und ohne Gesten erreichte Friese allein durch seine ausdrucksstarke und geschliffene Sprache höchste Intensität. Zusammen mit den Orgelimprovisationen Willibald Bezlers, die im Wechselspiel das gerade Gehörte aufgriffen, zusammenfassten, weiter führten oder interpretierten, wurde ein künstlerisches Gesamterlebnis geschaffen, dass die Zuhörer in seinen Bann zog.
Ist Friese ein genialer Rezitator, so hatte er mit Willibald Bezler einen ebenbürtigen und einfühlsamen Partner gefunden, der sein Instrument meisterlich beherrscht und zeitgleich noch verschiedene Percussioninstrumente bediente. Die Orgel wurde zum lautmalerischen Werkzeug, vertiefte das Gesprochene. Immer wieder kehrte auch das Motiv des laufenden Pilgers wieder. Seine Schritte wurden variationsreich von der Orgel wiedergegeben, so dass man unwillkürlich den wandernden Suchenden vor dem geistigen Auge hatte.
Erst zum Ende, beim tröstlichen »Kehr um, von wo du ausgegangen bist, in das Haus deines Herzens, und schließe die Tür hinter dir«, erfahren Sprache und Musik eine Symbiose, werden synchron und führen gemeinsam zum paradiesischen Ende, in dem für uns alle die Hoffnung liegt.
In dem ergreifenden Finale zum »neuen, himmlischen Jerusalem« spielt sich Bezler an der Winterhalter-Orgel durch ein stufenloses Crescendo vom Nichts bis hin zum Tutti und steht mit dieser Performance zum fünften Jahrestag der Orgelweihe in einer Reihe mit früheren Jubiläumsgästen wie Olivier Latry und Daniel Roth.
Ein besonderer Dank des Fördervereinsvorsitzenden Rainer Aberle ging anlässlich des Jahrtages der Weihe an Pfarrer Hans Böhm, der durch »seine Liebe zur Orgelmusik« quasi als Gründungsvater mit Gremien der Kirchenverwaltung den Bau der Winterhalter-Orgel maßgeblich mitgetragen hat.
Von Daniela Schneider